Couchsurfing gefährlich - Hier wusste ich noch nichts davon

So kann es gehen: Eben noch bin ich ein optimistischer Couchsurfer, wenig später stehe ich am späten Abend in Haarlem mitten auf der Straße, ohne Dach über dem Kopf. Irgendwie hatte ich mir den Tag anders vorgestellt. Da wird Couchsurfing gefährlich, es sei denn, man steht darauf, unter der Brücke zu schlafen. Aber eines nach dem anderen. 

Endlich wieder auf Tour

So lange schon hatte ich den Wunsch, endlich mal wieder auf Tour mit dem Fahrrad zu gehen. Bereits seit Jahren steht dies im Raum, doch der Familienzuwachs lässt die Zeit für ein entspanntes Wochenende schrumpfen. Doch nun standen alle Sterne günstig: Ich hatte sturmfrei, Sturm war aber gar nicht angekündigt, sondern stattdessen strahlendes Wetter. Und so plante ich drei Tage auf dem Rad, von Kleve nach Haarlem, am nächsten Tag nach Leeuwarden und am dritten Tag nach Leer in Ostfriesland. Zu Start und Ziel sollte mich jeweils die Bahn bringen.

Und ich wollte wieder Couchsurfen. Nach meiner bisherigen Erfahrung waren Couchsurfer immer super, als Gastgeber und Gäste. Ich hatte bereits einige Erfahrungen gesammelt, besonders auf meiner Fahrradtour von Köln nach Berlin. Hier hatte ich drei von vier Übernachtungen bei Couchsurfern verbracht, und auf die Idee, dass Couchsurfing gefährlich werden könnte, wäre ich nie gekommen.

Übernachtung finden – schwierig

Diesmal allerdings war es deutlich schwerer, Übernachtungsmöglichkeiten zu finden. In Leeuwarden gelang es mir bis zur Abreise gar nicht, eine Couch oder eine Luftmatratze mit einem festen Dach über dem Kopf aufzutreiben. Schweren Herzens musste ich mich auf ein Hotel oder eine Pension verlegen – das sollte noch mein Glück sein, wie sich herausstellte, denn ich Leeuwarden kam ich nie an. In Haarlem war es leider das gleiche Spiel: Trotz sehr individueller Anfragen bekam ich nur Absagen. Also griff ich zu einem Instrument, dass ich bis dahin noch nie genutzt hatte, ich stellte eine öffentliche Anfrage. Es dauerte rund einen halben Tag, da hatte mich ein Kerl angeschrieben, zu dem ich zur Wahrung seiner Identität jetzt keine Details preisgeben werde. Einzig sei erwähnt, dass er bereits Couchsurfing-Erfahrung hatte.

Ich schlug ein, und nachdem er mir seine Adresse gemailt hatte, reservierte ich in der Nachbarschaft einen Tisch beim Italiener. Schließlich gehört es sich, für eine Couch in irgendeiner Form „Danke“ zu sagen. Google sei Dank war das Restaurant schnell gefunden. Ich freute mich auf die Tour.

Los geht es mit schweren Beinen

Warum es mir an diesem Morgen so schwer fiel loszufahren, konnte ich nicht ausmachen. Doch ich saß im Zug nach Kleve, kurz vor der Grenze zu den Niederlanden. Bei Ankunft ab aufs Rad, das Navi weist mir den Weg und ich radle fröhlich los. Die Strecke ist so „lala“, mal unglaublich schön, mal eher langweilig. Ich komme voran, am Ende sitze ich am Meer. Normalerweise würde ich jetzt über die Strecke selbst schreiben, über die Beschaffenheit der Wege, über alle Details. Aber darum geht es jetzt hier leider nicht.

Um 19 Uhr war ich mit meinem Host (So heißen die Gastgeber beim Couchsurfing) verabredet, und innerhalb des akademischen Viertels trudelte ich bei ihm ein. Großes Wohnhaus, kleine Apartments, irgendwie den Charme einer Studentenbude. Ich durfte seine Dusche nutzen, natürlich nach einer kurzen Begrüßung, und los ging es zum Italiener. Die Wahl hätte nicht besser sein können: Klein, schnuckeliger Hinterhof, tolles Wetter und auf den ersten Blick ein tolles Essen.

Erste Unregelmäßigkeiten

Wir bestellen Getränke, die Essenskarte kommt. Neben der Wahl der Speisen reden wir kurz über unsere Job, das Leben in Haarlem. Genau genommen rede ich und stelle Fragen, die Antworten sind sehr einsilbig. Die Getränke kommen, Essen haben wir noch nicht bestellt und die Situation wird auch nicht besser. Mein Gegenüber spielt mit seinen Haaren und scheint hypernervös. Plötzlich platzt er heraus: Es ginge ihm nicht gut, ich könne gerne bei ihm übernachten, aber er würde gerne nach Hause gehen. Dass mein Erlebnis mit Couchsurfing gefährlich werden könnte, auf die eine oder andere Weise, davon ahne ich noch nichts.

Natürlich willige ich ein, obwohl mein Magen auf dem Boden hängt. Ich bestelle die Rechnung und warte. Er dreht weiter Haare und atmet schwer. Es dämmert mir, er ist klaustrophobisch! Warte draußen, rate ich ihm, er ziert sich kurz, geht aber dann doch vor. Ich zahle nach längerer Wartezeit und folge. Er ist nicht zu sehen.

Mir wird mulmig: Mein Fahrrad und beinahe alle Unterlagen sind bei ihm, ich habe nur ein wenig Geld dabei. Viel zu wenig, um zurück nach Köln zu kommen. Doch da sehe ich ihn, in einer Häuserecke stehen, mit dem Gesicht zur Wand. In diesem Augenblick wird mir klar, dass mein und auch sein Problem viel größer ist.

Erste Fluchtgedanken

Ich spreche ihn an, er atmet immer schwerer. Etwas ähnliches wie „Ich muss nach Hause“ kommt über seine Lippen. Soll ich ihn in den Arm nehmen? Oder soll ich lieber fernbleiben? Wir gehen los, ich halte gebührend Abstand. Zum Haaredrehen hat sich noch das hektische Kratzen am Arm gesellt. Außerdem geht er „komisch“, kaum zu beschreiben. Irgendwie hält er immer den gleichen Abstand zum Gebäude und weicht Hinternissen auch mit gleichem Abstand aus. Dadurch sieht sein Gang wie ein Gang auf einem Schachbrett aus, immer rechtwinklig. Er hat ganz gewaltige Ticks, so sieht es aus.

Mir wird klar, dass ich ganz sicher dort keine Nacht verbringe. Er versucht seine Mutter anzurufen, niemand hebt ab. Wir sind vor seiner Haustür, er stürmt fast nach oben und lässt sich in seinen Sessel fallen. Ich bin etwas ratlos. Wäre mein Rad nicht im Hinterhof angeschlossen und die Tür dazu abgeschlossen, würde ich mich jetzt sofort verabschieden. Geht aber nicht. So lasse ich mich auf ein kurzes Gespräch ein.

Er glaubt zu sterben – Panikattacken

Und langsam kommt er mit der Wahrheit ans Licht, die ja ohnehin nicht mehr zu übersehen ist. Er hat Panikattacken, zwar nimmt er das Wort nicht in den Mund, aber das beschreibt er. In regelmäßigen Abständen glaubt er, Herzinfarkte zu haben, sein Herz rast dann, und er ist zu einem geordneten Leben nicht mehr fähig. Ja super. Und warum hast du mich dann eingeladen? Ich denke diesen Gedanken nur, denn warum soll ich ihn jetzt weiter ausfragen. Der Drops ist gelutscht.

Nach weiteren 20 Minuten habe ich ihn davon überzeugt, dass er mir das Fahrrad noch herausgibt und das Tor öffnet. Er kommt mit und ich stehe wenig später auf der Straße und atme selbst schwer, aber erst einmal durch. Man stelle sich vor, er hätte seine Panikattacke nachts bekommen und mich in einem Wahn als Problem seiner Attacke erkannt. Dann hätte Couchsurfing gefährlich werden können, ganz unmittelbar. Wer im Wahn handelt, interessiert sich nicht dafür, dass er nachverfolgbar ist. Nein, darauf kann ich verzichten.

Couchsurfing gefährlich – was jetzt?

Der direkten Gefahr durch einen irgendwie schwer geschädigten Charakter bin ich entgangen. Aber was nun? Ich stehe ab späten Abend auf der Straße, alle Hotels sind ausgebucht, denn an diesem Abend findet in Amsterdam die letzte „Sensation White“ statt. Und mein letzter Zug nach Köln geht in 45 Minuten im 30km entfernten Amsterdam. Wenn ich nicht unter der Brücke schlafen will, muss ich den bekommen. Taxi? Geht wegen des Fahrrads nicht. Zug? Wo ist der Bahnhof?

Lange Rede, unglaubliche Story, in der auch kalkuliertes Schwarzfahren und ein entspannter Schaffner vorkommen, und dennoch kurzer Sinn: Ich habe den Zug bekommen, mit weniger als zwei Minuten Toleranz. Auch der mehrfache Umstieg mitten in der Nacht glückte, schließlich war ich gegen zwei Uhr am Hauptbahnhof in Köln und froh, doch immer Fahrradlichter im Gepäck zu haben. Doch man stelle sich vor, ich hätte den Zug verpasst. Eine Übernachtungsmöglichkeit hätte ich nicht gefunden, alle Hotels waren restlos ausgebucht. Mir wäre nur eine Übernachtung am Bahnhof oder unter freiem Himmel möglich gewesen.

Nun bin ich nicht das potentielle und typische Opfer von Übergriffen. Mit allein reisenden Frauen sieht das allerdings anders aus. Es mag ja sein, dass Couchsurfing selbst relativ sicher ist, weil die Identität der Personen überprüfbar ist. Doch was passiert, wenn Vorort eine Übernachtungsmöglichkeit platzt? Dann wird es eventuell eng, und auch Couchsurfing gefährlich, wenn auch nur indirekt. Ein Notfallplan ist also immer notwendig, damit nicht ausgerechnet Couchsurfing gefährlich wird. Eigentlich ist das ja nicht die Idee dieser Plattform, die wirklich viel dafür tut, damit das Übernachten in der Fremde und bei Fremden sicher ist.

Ich habe erst einmal genug vom Couchsurfing, sondern werde wieder in Pensionen übernachten, wenn ich das nächste mal versuche, auf Tour zu gehen.

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